Covid-19

Wie eine Pandemie als Krieg gedeutet wurde
| Fabian Scheidler

Am 16. März 2021 spielen sich auf den Champs Elysées, unweit des Amtssitzes des französischen Präsidenten Emmanuel Macron, bürgerkriegsartige Szenen ab. Zehntausende der sogenannten Gelbwesten stoßen bei ihrer Großdemonstration mit Polizeikräften zusammen, Barrikaden brennen, eine Bankfiliale geht in Flammen auf. Die Grande Nation ist in einer Krise. Am Abend verkündet der Präsident den Krieg. Doch es geht in seiner Ansprache nicht um die Aufständischen, sondern um einen ganz anderen Feind: »Wir befinden uns im Krieg. In einem sanitären Krieg. Wir kämpfen weder gegen eine Armee noch gegen eine andere Nation, aber der Feind ist da, unsichtbar, schwer fassbar, und er ist auf dem Vormarsch. Und das erfordert unsere allgemeine Mobilmachung. Wir befinden uns im Krieg. Die gesamte Tätigkeit der Regierung und des Parlaments muss von nun an auf den Kampf gegen die Epidemie ausgerichtet sein, Tag und Nacht. Nichts darf uns davon ablenken.« Am nächsten Tag trat der erste Lockdown mit Ausgangssperren in Kraft. Von Demonstrationen konnte keine Rede mehr sein, die Gelbwesten waren Geschichte.


Andere Staatschefs und Regierungsvertreter haben sich der Kriegsrhetorik bald angeschlossen. US-Präsident Trump inszenierte sich als »Präsident in Kriegszeiten« - ohne allerdings etwas Sinnvolles gegen die Pandemie zu unternehmen. Der damalige deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn sprach rückblickend von einem »gesundheitlichen Kriegsfall«, um damit eigene Fehlentscheidungen zu rechtfertigen. Der britische Gesundheitsminister Matt Hancock verkündete: »Wir befinden uns in einem Krieg gegen einen unsichtbaren Killer. Um diesen Krieg ins Werk zu setzen, schreckte Hancock in der Folgezeit auch nicht vor gezielter Panikmache zurück. Im März 2023 veröffentlichte die britische Zeitung The Telegraph unter dem Titel »The Lockdown Files« eine umfangreiche Sammlung von geleakten Nachrichten des Ministers.

In einer schrieb er an seinen Medienberater Daman Poole: »Wir jagen den Leuten mit der neuen Virusvariante eine Höllenangst ein. Solche Angststrategien waren keineswegs auf Großbritannien beschränkt.

Ein geleaktes internes Papier des Bundesinnenministeriums vom März 2020 hatte ebenfalls Strategien entwickelt, um Angst zu schüren und damit ein gewünschtes Verhalten zu erzeugen. Dabei ist die Vermeidung von Angst und Panik in der Bevölkerung eine der zentralen Säulen jedes professionellen Krisenmanagements. Die deutsche Bundesregierung gab außerdem, auch dies Teil des Kriegsnarrativs, unter dem Hashtag #besonderehelden eine Reihe von Videos in Auftrag, in denen gesetzestreue Bürger, die auf die Coronazeit zurückblicken, als Kriegs-veteranen inszeniert wurden. Kriege erfordern eine Synchronisierung, eine Gleichrichtung gesellschaftlicher Aktivitäten. Wir sollen nicht mehr nach rechts, links oder zurück schauen, sondern nur noch geradeaus: auf den vorrückenden Feind. Der Feind mag unsichtbar und mikroskopisch klein sein, aber er ist tückisch. Umso härter und unnachgiebiger müssen wir zuschlagen.

Kriege erfordern Opfer. Wenn es ein gesellschaftliches Ziel gibt, das allen anderen absolut übergeordnet ist, nämlich die Auslöschung des Feindes, dann folgt daraus, das alles andere sekundär ist und im Zweifelsfall geopfert werden muss.

Die Geschichte der Kriege ist daher immer auch eine Geschichte der Opferungen und der Opferkulte, und der Krieg gegen das Virus bildet hier keine Ausnahme. Die Millionen von Kindern und Jugendlichen, die in Folge der Lockdowns unter psychischen Problemen leiden, die spiel- und internetsüchtig wurden, deren Schullaufbahn einen Knick bekam: Sie sind in gewisser Weise ebenso Kriegsopfer wie die bisher nur unzureichend gezählten Impfgeschädigten und all diejenigen, die Beruf und Erwerb verloren. Dieser »Krieg« hat, wie andere Kriege, Verwundete und Traumatisierte hinterlassen. War er gerechtfertigt? War er die Opfer wert? War er die richtige oder gar einzig mögliche Antwort auf das Virus? 

Es gibt Situationen, in denen man etwas opfern muss für ein wichtigeres Ziel. Wenn ein Tsunami auf mein Haus zurollt, macht es Sinn, das Haus zu opfern und mich selbst in Sicherheit zu bringen. Ich kann nicht beides retten: Haus und Leben. Auch eine Pandemie kann unter Umständen einen solchen Fall darstellen. Doch um zu entscheiden, was eine angemessene Reaktion auf eine bestimmte Extremsituation ist, braucht es eine differenzierte Abwägung zwischen der Gefahr und dem, was zu ihrer Bekämpfung geopfert werden soll. Und um abwägen zu können, muss man sowohl die Gefahr als auch die zu erbringenden Opfer realistisch einschätzen können und diese dann zueinander ins Verhältnis setzen.

Genau hier aber liegt die Crux im Fall Corona. In dem Moment, wo die Antwort auf die Pandemie als Krieg gedeutet wurde, oder zumindest als ein Kampf, der Vorrang vor allen anderen gesellschaftlichen Belangen hatte, wurde der Abwägungsprozess selbst das erste Opfer der Kriegslogik. In einem Interview im Sommer 2022 sagte der damalige Finanzminister und spätere Premierminister Großbritanniens, Rishi Sunak, dass in den Kabinettstreffen in der Corona-Hochphase eine Kosten-Nutzen-Rechnung für die Lockdowns nicht erwünscht war. »Ich durfte nicht über Abwägungsprozesse sprechen«, so Sunak. »Die Minister wurden vom Premierminister instruiert, wie sie mit Fragen zu den Nebenwirkungen der Lockdowns umgehen sollten. Das Drehbuch lautete, die Nebenwirkungen niemals anzuerkennen. Im Krieg gilt Abwägung als Schwäche vor dem Feind, sie untergräbt den Kampfgeist und spielt so dem Gegner in die Hände.

Das Ergebnis waren fatale Fehlentscheidungen. Im Zuge der langsam anlaufenden Corona-Aufarbeitung hat sich inzwischen gezeigt, dass die meisten der drastischen Maßnahmen für die Infektionsprävention kaum nützten, für die Gesellschaft aber fatale Folgen hatten. Leonidas Spiliopoulos von der Max-Planck-Gesellschaft hat ein Team geleitet, das Daten zu Coronamaßnahmen und Infektionsgeschehen aus 132 Ländern auswertete, und ist zu folgendem Ergebnis gekommen: Die gesellschaftlich und psychologisch am wenigsten schädlichen Maßnahmen waren zugleich die wirksamsten bei der Eindämmung der Pandemie.

Laut Spiliopoulos wären umfangreiche Tests, Beschränkungen für Versammlungen von mehr als 100 Personen, Quarantänevorschriften für Reisende aus Hochrisikogebieten, Informationskampagnen, Empfehlungen zur Heimarbeit sowie vorübergehende Schließungen einzelner Firmen und Schulen, die zu Hotspots wurden, ausreichend gewesen, um die Pandemie unter Kontrolle zu halten. Allgemeine Lockdowns, flächendeckendes Homeschooling, Ausgangssperren, Kontaktbeschränkungen und der Ausschluss von Ungeimpften aus dem gesellschaftlichen Leben waren demnach nicht zielführend für die Eindämmung der Pandemie - und verursachten zugleich die größten Schäden. Dazu passt auch der Befund, dass Schweden, das auf drastische Maßnahmen wie Lockdowns verzichtet hat, unter allen EU-Ländern mit Abstand am besten durch die Coronazeit kam: Die Übersterblichkeit war dort in den Jahren von 2020 bis 2022 am niedrigsten. Ähnliches gilt für Nicaragua, das ebenfalls auf Lockdowns verzichtete und eine der niedrigsten Übersterblich-keitszahlen in Lateinamerika hatte, während das Nachbarland Honduras mit harten Lockdowns über zwei Jahre die höchsten Zahlen aufwies. Die Bilanz ist deutlich: Die martialische Herangehensweise nach dem Muster des Kriegs gegen den Terror, die Abwägungsprozesse weitgehend ausschaltete, hat gesellschaftlich massive Schäden hinterlassen und zur öffentlichen Gesundheit wenig beigetragen. Differenzierte Maßnahmen mit Augenmaß und begrenzten Eingriffen in das soziale Leben hingegen waren sowohl epidemiologisch effektiv als auch gesellschaftlich wenig destruktiv.

Damit stellt sich aber die Frage, wie es möglich war, dass so viele Regierungen auf Maßnahmen setzten, die die gesamtgesellschaftliche Situation im Wesentlichen verschlimmerten - und das, obwohl es an kompetenten warnenden Stimmen nicht fehlte. 

Auszug aus dem Buch "Friedenstüchtig. Wie wir aufhören können, unsere Feinde selbst zu schaffen" von Fabian Scheidler, erschienen im Promedia Verlag.